" Das Fechten "

Wenn in alter Zeit ein Handwerksgeselle es zu etwas bringen wollte, so muße er bei verschiedenen Meistern gearbeitet haben. Er mußte auf Wanderschaft gehen, zünftig zu Fuß und sich dabei nach den Regeln ordentlich betragen.

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Gesellenbrief als Schuster von Christel Habenicht – Hagenbrink - Großoldendorf

Besonders fielen damals die Zimmerleute und Holzberufe mit ihren 'Kluften' auf. Der große Schlapphut mit breiter Krempe oder Zylinder, welcher nur zum Essen, Schlafen oder in der Kirche abgenommen wurde. Die Hose aus Breitcord, mit weitem Schlag, damit die Sägespäne nicht in die Schuhe fielen. Ein kragenloses Hemd, eine Weste mit 8 Knöpfen, für das achtstündige Tagwerk, eine Jacke mit 6 Knöpfen für die 6 Tage Woche. Ein goldener Ohrring im linken Ohr diente als eiserne Reserve. Einem unehrenhaften Gesellen wurde der Ohrring rausgegrissen, man nannte es "geschlitzohrt". Daher stammt der Ausdruck Schlitzohr. Meistens gingen sie zu dritt. Um Übernachtung brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. In größeren Städten gab es eine "Herberge zur Heimat" für die Wandergesellen, oft sogar eine für jedes Gewerk. In kleineren Orten konnten sie bei einem Handwerksmeister vorsprechen und "das Handwerk grüßen". Der jeweilige Handwerksmeister gab dann willig gratis Unterkunft. Hatten diese gerade viel zu tun, blieben die Gesellen gerne und halfen in der Werkstatt. Oftmals blieben sie auch einige Wochen.
Der Meister war froh, die Burschen lernten viel Neues und wurden außerdem dort noch gut verpflegt.

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Bild: links Geselle Christel Habenicht aus Oldendorf auf Wanderschaft

Auch die Schuster gingen auf Wanderschaft und hatten eine „Berufskluft“ wie man auf dem Bild oben sehen kann.

Unterwegs sah das anders aus, da mußten sie sich selbst versorgen. Es wurde dann wie es so schön hieß „gefochten" und zwar mit der Formel :
" Ein armer Wanderer bittet um etwas zu essen." Sprachen die jungen Wandergesellen bei einem Bäcker oder Schlachter vor, fühlten diese sich moralisch verpflichtet etwas zu geben.
Einem Oldendorfer Gesellen war dieses gar nicht recht. Er war ein stolzer und sparsamer Mensch und hatte vorgesorgt für seine Wanderschaft und bezahlte immer was er essen wollte. "Nein betteln wollte er per tu nicht." Seinen Mitgesellen paßte das gar nicht, denn ein Geselle mußte "fechten" können. Drum zwangen sie ihn eines schönen Tages in einem Dorf, in einen Bäckerladen zu gehen und um Brot zu bitten. Er ging auch hin, blieb dann aber an der Tür stehen, ließ einen nach dem anderen Kunden vor. Er brachte reineweg kein Wort heraus, da ihm das alles sehr peinlich war.
Die Bäckersfrau merkte wohl was in ihm vor ging und reichte ihm dann einen schönen, großen, ganz frischen Brotlaib über den Ladentisch. "Bist es noch nicht gewöhnt, Geselle?" Er nickte nur verschämt und bedankte sich. Seine draußen wartenden Gesellen grinsten: " Es geht doch!" Er brauchte etliche Zeit ehe er es lernte ohne große Überwindung zu „ fechten"! Lieber hätte er bezahlt.

Anmerkung: Der Begriff Wanderjahre bezeichnet die Zeit der Wanderschaft zünftiger Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit. Sie war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen der Zulassung zur Meisterprüfung. Die Gesellen sollten vor allem neue Arbeitspraktiken, fremde Orte, Regionen und Länder kennenlernen sowie Lebenserfahrung sammeln. Der wichtigste Gegenstand, den ein jeder Wandergeselle mit sich führte, ist sein Wanderbuch. Es ist ein unersetzliches Dokument der eigenen Wanderschaft und nach deren Ende dessen wichtigstes Erinnerungsstück. Da Form und Inhalt vor Missbrauch geschützt werden sollen, sind Wanderbücher nur in einer vertraulichen Umgebung oder aus offizieller Notwendigkeit vorzuweisen, insbesondere dürfen diese nicht veröffentlicht werden.
Weiterhin muss ein Wandergeselle in der Öffentlichkeit immer seine Kluft tragen. All sein Hab und Gut, z. B. Werkzeug, Unterwäsche, Schlafsack, verstaut der wandernde Geselle in einem Charlottenburger (ist ein bunt bedrucktes Tuch).

Fechten 4Auf die "Walz" gehen war früher eine gute Möglichkeit Neues zu lernen oder eine neue Arbeit zu finden. Es bot aber auch die Möglichkeit, wenn ein Handwerkmeister alt oder krank war und einen guten Nachfolger suchte oder verstarb, sich dort nieder zu lassen, wenn der Rat des Ortes es erlaubte. Beim frühen Tod des Meisters bekam er nicht nur den Betrieb, sondern auch oftmals gleich Frau und Kinder mit dazu.

Der Brauch war dann fast ausgestorben, bevor er in den 1980er Jahren wieder etwas auflebte. Jede Berufsgruppe der Handwerker trug seine eigene Kluft.

 

Text CHP - Die alten Fotos wurden uns für unser Archiv von Marita Franke aus Hameln zur Verfügung gestellt. - Herzlichen Dank -

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