EINMAL ÜBER DEN GROSSEN TEICH UND ZURÜCK

Die bewegte Geschichte der Vereinsfahne des Oldendorfer Schützenvereins.

Ein Deutscher war etwa 1994/95 in den USA zu Besuch. Und genau in dem Heim des US-Bürgers fiel ihm eine ungewöhnliche Tischdecke auf einem Tisch ins Auge. Sie hatte eigentlich gar nichts Tischdecken ähnliches.

Er schaute sie etwas näher an und fand auf dem dunkelgrünen Grund eine interessante Stickerei vor. Sofort nahm er dieses 'Tischtuch' noch etwas genauer unter die Lupe und entdeckte dort eine Schießscheibe, zwei gekreuzte Gewehre und einen Eichlaubkranz auf der Seide eingestickt. Nun war seine Neugier vollends erwacht und das vermeidliche 'Tischtuch' wurde noch genauer betrachtet. Auf der Rückseite war das ehemals strahlende Weiß vergilbt und größere Fetzen hingen herunter, aber der Besucher entdeckte noch etwas und zwar eine Inschrift: o i s.de cp001

„Gewidmet von den Damen der Schützengesellschaft Oldendorf 1935.“o i s.de cp002

Ob nun im Einverständnis mit dem Gastgeber oder wie auch immer, der Gast nahm die 'Tischdecke' mit nach Deutschland. Eines war ihm inzwischen klar geworden: Es musste sich um eine Vereinsfahne handeln. Noch etwas hatte der Amerika Reisende entdeckt: Am unteren Rand war die Fahnenfabrik Dreyer aus Hildesheim auf einem kleinen Etikett am Fahnenrand vermerkt.

Der 'Fahnenretter' schickte die Fahne nun an die Fahnenfabrik Dreyer in Hildesheim. Hier war aber ebenfalls guter Rat teuer, denn man wusste nicht aus welchem Oldendorf diese Fahne stammen könnte. 23 Orte tragen den Namen Oldendorf in Deutschland. Scharfoldendorf, Hessisch Oldendorf, Stadt Oldendorf usw. werden umgangssprachlich auch oft vor Ort nur einfach mit Oldendorf bezeichnet. Ja, was sollte man nun tun? Man wollte doch zu gerne das gute Stück an den richtigen Schützenverein wieder zurück geben.

So kam dem Fahnenretter eine Idee. Er schickte eine Postkarte mit der Anschrift: „An den Vorsitzenden der Schützengesellschaft Oldendorf“ auf dem Postweg auf die Reise. Diese Postkarte, man soll es nicht glauben, ging quer durch Deutschland. Jede erreichte Oldendorfer Post Station setzte ihren Poststempel auf die Karte, und eines Tages landete die Karte auch im richtigen Oldendorf. Friedrich Grieße, der damalige Vorsitzende der 1960 wieder ins Leben gerufenen Schützengesellschaft, nahm die Karte in Empfang und nach einiger Zeit traf auch die Fahne bei den hocherfreuten Schützen wieder in Oldendorf ein. Die große Freude wurde aber durch einen Umstand etwas getrübt, denn die Postkarte mit der Anschrift des 'Fahnenretters' war inzwischen leider nicht mehr auf zu finden. Somit war und blieb der Fahnenretter unbekannt.

Wie aber gelangte die Vereinsfahne nach Amerika? Man forschte in der Vereinsgeschichte nach. Der Verein wurde 1925 gegründet. Die Damen des Schützenvereins beschlossen irgend wann den Herren eine Vereinsfahne selbst zu besticken, welche sie wohl 1935 der Herrenabteilung der Schützen mit einer Fahnenstange überreichten. In den Wirren der Kriegsjahre ruhte der Verein, wurde aber nicht aufgelöst. Das letzte Protokoll stammte aus dem Jahr 1941. Es könnte sein, dass die Vereinsfahne in dem Hause des damaligen Vereinsvorsitzenden Stender aufbewahrt wurde. 1945 hielten die Besatzungstruppen auch in Oldendorf Einzug. Die Häuser mußten geräumt werden und wurden von amerikanischen Truppen besetzt. Es kann nur so gewesen sein, dass einem damaligen US-Soldaten die Fahne besonders gefiel und er diese als Kriegsbeute mit in die USA nahm. Somit gelangte die Fahne über den großen Teich nach Amerika in das Heim des Amerikaners. Nur die hölzerne Fahnenstange verblieb unversehrt in Oldendorf.

Es hört sich fast wie ein Märchen an, das diese Vereinsfahne dann doch noch wieder ihren Weg nach Oldendorf zurück gefunden hat. Nicht nur der Verein, sondern auch der Ortsrat beteiligte sich an der 2.415 DM teuren Restaurierung. Die Schützengesellschaft konnte im September 2000 das 75 jährige Jubiläum des Vereins im großen Rahmen feiern. Mit dabei war natürlich auch die einst entführte Vereinsfahne.

Leider besteht der Schützenverein inzwischen nicht mehr.

Text CHP -  Fotos aus unserem Archiv