Kindheit auf dem Holzwerk Bock.

Mein Name ist Irmtraut Exner, geb. Beyer, ich wurde 1939 in Oldendorf auf dem Holzwerk Osterwald Inh.: Dr. Bock geboren.
Am 6. Januar 2020 las ich in unserer Schaumburger Zeitung einen Artikel über Oldendorf, dieses war der Anlass meine Erlebnisse aus meiner Kindheit beim Holzwerk Bock aufzuschreiben.

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Teiche im Park Holzwerk Bock

Ich habe noch zwei größere Geschwister, welche beide in Rinteln geboren wurden. Helmut wurde 1934 und Ilse 1936 geboren. Meine Eltern zogen 1938 von Rinteln, sie arbeiteten damals dort im Sanatorium „ Burghof und Parkhof“, nach Oldendorf auf das Holzwerk Haus Nr. 90.

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 Familien vor dem Haus Nr. 90

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 Frau Beyer mit Helmut, Irmtraud  u. Ilse            

Mein Vater arbeitete auf dem Holzwerk als Gärtner und hat all die wunderschönen Anlagen, wie die Teiche mit dem Wasserfall und so weiter, mit gestaltet. Für uns Kinder war das Gelände des Holzwerks ein toller großer Spiel- und Abenteuerplatz. In vielen Bereichen sollten und durften wir eigentlich nicht spielen, aber diese waren für uns besonders anziehend und interessant! Lore fahren und das Verstecken zwischen dem aufgestapelten Holz war ganz strickt verboten, weil es zu gefährlich war. Aber sonst nutzen wir das ganze Gelände „als Spielplatz“. Mussten wir mal, rannten wir nicht extra nach Hause, sondern zogen 2 Hölzer aus einem Stapel und benutzen diese als Toilette. Unser Klopapier war der wilde Rhabarber der überall wuchs. Abends spielten wir in den abgestellten Autos verstecken und erst wenn es dunkel wurde mussten wir alle rein.

Wir wohnten auf dem Werksgelände in einem großen Häuserblock mit vier Eingängen. Im ersten Eingang wohnten Sanders. Von allen nur die „Meister Sander“ genannt. Zur Familie gehörten die drei großen Jungen: Willi, Friedel und Walter. Darunter wohnte die Familie Schaper, sie hatten eine Tochter, die später in Oldendorf verheiratet war. Im zweiten Eingang wohnte die Familie Sottman mit ihrer Tochter Elfi, im dritten Eingang, eine Treppe hoch, die Familie Holland mit den drei Kindern, Inge und noch zwei kleinere Brüder, die Familie Sembritzki oder so ähnlich, sowie die Familie Antl mit drei Kindern.

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Haus Nr. 90 auf dem Holzwerk

Hollands wohnten genau über uns und wenn Inge und ich uns treffen wollten, klopften wir nur an die Wasserleitungsrohre. Die Verständigung klappte hervorragend, denn es war das Zeichen: Wir treffen uns gleich draußen auf dem Hof. Mit uns auf dem Flur wohnte die Familie Lerch. Der Sohn Kurt hat später zusammen mit Familie Seewald in Benstorf gebaut. Etwas Besonderes zu der damaligen Zeit war die Spültoilette, die wir aber mit den anderen Mietern teilen mussten.

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Helmut Beyer, Mutter, Irmtraud Beyer, unbekannt, Ilse Beyer, Frau Holland mit Tochter Inge

Hunger haben wir in der Zeit nie gelitten. Alle Hausbewohner kochten zusammen im Waschkessel Rübensaft (Sirup), von den wenigen Rübenabfällen die auf den Feldern gesammelt wurden. Apfelmus aufs Brot war ebenfalls etwas ganz Besonderes für uns. Einmal in der Woche kam der Bäckerwagen (weiß nicht mehr den Namen) aufs Holzwerk, sowie Herr Brünger mit dem Milchwagen. Wir hielten Hühner und Kaninchen und hatten einen Schrebergarten. Kaninchenfutter wuchs überall und jeder von uns musste abwechselnd etwas holen. Als ich in Oldendorf das Möhrenfeld von Bauer Hattendorf entdeckte, erntete ich auch dort. Meine Schwester stand „Schmiere“. Natürlich hatten wir große Angst erwischt zu werden. Es kam dann tatsächlich auch jemand und sagte, dass wir da nichts zu suchen hätten. Ich tat ganz mutig und sagte:“Ich bin Inge Hattendorf und das Feld gehört meinem Vater!“ Wir sind dann aber trotzdem schnell abgehauen. Auf den abgeernteten Feldern suchten wir Ähren und manchmal verstecken wir uns auch in den Stiegen und schnitten Ähren ab. Auf den Feldern wurden Kartoffeln „gestoppelt“ und von den Bauern noch Kartoffel dazu gekauft.

Als Krieg war, gab es auch schon mal Alarm, dann rannten wir alle in das Büro und Privathaus von Dr. Bock. Unten im Keller gab es einen Luftschutzkeller. Mein Gitterbett stand dort immer! Einmal wurde der Bahnhof beschossen (es soll ein Irrtum gewesen sein), da waren meine Mutter und ich gerade auf dem Holzplatz. Ein polnischer Zwangsarbeiter kam angerannt und hat sich auf mich geschmissen um mich zu schützen. Ich kann mich erinnern, dass die Frau von Dr. Bock mit allen Kindern vom Holzwerk in das Gasthaus Kölling Eis essen gegangen ist. Das war ein unvergessliches Erlebnis für uns alle.

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Gasthaus Kölling

Genau gegenüber dem Werkstor war der Bahnhof Osterwald. Eigentlich hätte jeder den langen Weg außen herum laufen müssen. Egal ob die Bahn benutzt werden sollte oder wir zu dem Einzelhandelsladen Mumme wollten. Dieses tat keiner der Erwachsenen und so flitzten auch wir, gleich in der Höhe des Kalkwerks, über die Gleise. Gott sei Dank ist nie etwas passiert.

Mumme

Geschäft Mumme gegenüber vom Bahnhof (früher gab es dort auch Kaffee und Kuchen)

Wir gingen alle drei in Oldendorf zur Schule. Helmut und Ilse sind dort auch konfirmiert. Unsere Klassenlehrer waren Wallis, Kienitz und Weigert. Die Klassenräume waren an drei verschiedenen Orten im Dorf und somit mußten wir dann immer umziehen. Wir empfanden es damals als großes Glück, dass wir nicht im Dorf direkt wohnten, denn Lehrer Wallis ging abends immer durchs Dorf und kontrollierte ob jemand von den Schulkindern noch auf der Straße war. Wurde dort einer erwischt, gab es sofort ein Gespräch mit den Eltern und am nächsten Tag Bestrafung in der Schule. Er war ein sehr kollergischer Lehrer, der nicht nur mit dem Stock an die Tafel schlug und uns „Verbrecher, Halunken und so weiter“ titulierte, sondern auch reichlich Schläge verteilte. Wir haben aber auch viel bei ihm gelernt. Wenn er Geburtstag hatte bekam er Wannenweise Blumen aus dem Dorf und von den Bauern, Wurst, Speck und Schinken.
Immer mehr Episoden fallen mir ein: Ich mußte immer nach Benstorf laufen, um für meinen Vater beim Schlachter, ganz vorne im Dorf, seine Blutwurst holen, die wir „Gummiwurst“ nannten.
Helmut und Ilse gingen ja gemeinsam zum Konfirmandenunterricht. Eines Tages sagte der Pastor: „Der liebe Gott kann alles“ worauf Helmut sagte: „Wenn er alles kann, warum hat er dann nicht den Krieg verhindert?“ Der Pastor antwortete: „Er konnte es, aber er wollte es nicht. “ Worauf Ilse halblaut sagte: „Dann hatte er einen Bock“. Der Pastor war so empört und rannte zu Lehrer Wallis. Der ließ meine Mutter antanzen und verlangte, daß Ilse sich entschuldigen sollte. Meine Mutter entgegnete ihm aber: “Wenn er als Theologe keine bessere Antwort wüßte, muß meine Tochter sich auch nicht entschuldigen, denn bei uns zu Hause heißt es: „Wenn einer kann aber nicht will, dann hat er einen Bock“.  Lehrer Wallis schaute verdutzt und Ilse mußte sich nicht entschuldigen.
Mein Bruder fing in Essen eine Lehre als Bergmann an. Nach der Scheidung meiner Eltern ging meine Schwester nach Gelsenkirchen, ich zu meiner Patentante in die DDR, dort ging ich noch weiter zur Schule. Meine Mutter zog wieder zurück nach Rinteln, wo sie damals nur eine sogenannte „Wurstekammer“ als Wohnung hatte. Was anderes konnte sie damals nicht bekommen. So verging das Jahr 1953. Weihnachten kam ich zurück zu meiner Mutter, in die „Wurstekammer“. Ab Januar 1954 ging ich dann in Rinteln zur Schule. Nebenher packte ich in einem Geschäft Lebensmittel ab. Meine Mutter bekam endlich eine kleine Wohnung und somit zog auch meine Schwester Ilse wieder zu uns. 1954 fing ich eine Lehre als Einzelhandelskaufmann in einem Reformhaus in Springe an. Ich war immer ein Mensch der Kontakt zu anderen Menschen brauchte und somit fühlte ich mich sehr wohl in dem Beruf. Später ergab es sich, dass ich eine Anstellung bei der Sparkasse bekam und dort bis zur Rente tätig war. Ich bin immer in Ehrenämtern tätig gewesen. So habe ich unter anderem 13 Jahre beim Roten Kreuz die Blutspende im Ortsverein Rinteln geleitet. Auch heute arbeite ich noch ehrenamtlich bei der Stiftung in Rinteln und beim Familienzentrum.

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Meine Freundin Inge Holland (rechts) und ich vor der Tür Haus Nr. 90 auf dem Holzwerk Bock

 

Anmerkung von CHP: Wer hat noch alte Fotos und Erlebnisse vom Holzwerk Bock und stellt uns diese zur Verfügung? - Bitte melden -

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