Erinnerungen an meine Kindheit in Oldendorf

Ich wurde 1942 im Haus Nr. 68 in Oldendorf geboren. Das Haus stand gegenüber dem Dorfkrug Engelbrecht (heutiges Haus Schlüter) und gehörte zum danebenstehenden ehemaligen Hof Schottel.

Haus Nr. 68      Dorfstrae

In dem Haus habe ich bis zum Wegzug, 1964 nach Coppenbrügge, mit meiner Mutter gewohnt. Wann es abgerissen wurde weiß ich leider nicht.

 

 

Das Haus war das sogenannte 'Arbeiterhaus' der Familie Schottel. Eigentümerin war Dora Schottel. Ihr Ehemann war verstorben oder gefallen und die Tochter früh verstorben. Der Hof wurde damals schon nicht mehr aktiv bewirtschaftet.

Das Haus hatte seinerzeit zwei Wohnungen. Die Wohnungen bestanden aus einem Wohnzimmer und einer Wohnküche im Erdgeschoss und einem Schlafzimmer nebst sogenannte „Wurstkammer“ im Obergeschoss. Im Erdgeschoss gab es außerdem eine gemeinsam genutzte Waschküche. Im Haus selbst und im angrenzenden kleinen Anbau befanden sich außerdem Stallungen in dem u.a. Schweine gehalten wurden. Im Anbau auch für das ganze Haus ein „Plumpsklo“. Die Wasserversorgung erfolgte über einen Brunnen vor dem Haus, aus dem das Wasser eimerweise mit einer Stange gezogen werden musste. Der Brunnen hatte eine Tiefe von ca. 6 m, war nicht gemauert, sondern nur aus großen übereinandergelegten Sandsteinen gebaut. Trotzdem hatte er immer gute und vor allem ausreichende Wasserqualität. Die Wasserentsorgung erfolgte ebenfalls eimerweise in den Abfluss an der Straße oder auf dem Misthaufen hinter dem Haus.

Meine Eltern Hermann (gefallen 1944) und Martha geb. Schütte sind 1938 mit meiner Schwester Martha (geb. 1930) in das Haus eingezogen.

Im linken Teil wohnte Marie Buckendahl (Ehemann August in Russland vermisst) mit ihren Kindern Edeltraud (geb. 1930 oder 1931) und Werner (geb. 1937).

Nach dem Krieg 1946 oder 1947, als die Flüchtlinge nach Oldendorf kamen, mussten wir und Familie Buckendahl je einen Raum abgeben. Familie Täuber zog mit fünf Personen in die zwei Räume ein und wohnten dort bis ca. 1955 oder 1956. Edeltraud Buckendahl heiratete ca. 1953 und sie richtete sich mit ihrem Mann die 'Wurstekammer' als Wohnung ein. Nun lebten wir mit 11 Personen in dem Haus mit dem einen 'Plumsklo'.

Meine Mutter arbeitete damals bei der Strickerei Mense als Büglerin. Die Strickerei Mense befand sich in der alten Molkerei und stellte seit ca. 1947 Pullover, Jacken und die berühmt, berüchtigten langen braunen Strümpfe her, welche auch wir Jungens tragen mussten. Auch die Klempnerei Sandvoss befand sich dort und ich kann mich erinnern, dass ich als Kind dort oft Emaliekochtöpfe zum Löten hingebracht habe.

Vor dem Alten Kindergarten

Im April 1949 wurde ich mit 30 weiteren Mitschülern und Mitschülerinnen im ehemaligen Kindergarten (gegenüber dem damaligen Milchhandel Brünger/ heute 'Kleine Gasse') eingeschult. Unsere Klassenlehrerin bis zur 4. Klasse war Fräulein Fabian. Die Klasse 3 und 4 verbrachten wir dann im neuen Schulgebäude.

Damals wurden die Neuigkeiten im Dorf noch 'ausgerufen'. Ich glaube es war im Sommer 1950 oder 1951 da ging unser „Gemeindebüttel“ Herr Stünkel mit seiner Glocke durchs Dorf und verkündete: „Große Kartoffelkäferplage auf den Äckern der Landwirte!“ In der Folge mussten alle Schulkinder, ausgerüstet mit Konservendosen, auf die Felder ausrücken und die Kartoffelkäfer einsammeln. Die gelb/schwarzen Käfer einzusammeln ging ja noch, aber die roten Larven waren eine ziemlich eklige Angelegenheit. Im Dorf ging damals das Gerücht um, dass die Käfer aus Amerika eingeschleppt worden waren bzw. vom Flugzeug aus runter geworfen waren.

Das Spielen im Sommer war einfach herrlich und vieles war angesagt:

Den Kreisel (wir sagten „Pindop“ oder so ähnlich dazu) mit einer selbst gebauten Peitsche aus Bindfaden schlagen, Rollschuh laufen (kein Vergleich zu den heutigen Inlinern) auf der Straße Fußball spielen, meist in der Hagenstraße, auf der betonierten Fläche vor dem Feuerwehrhaus oder in der Straße zwischen Bauer Knoke und Schottel unterhalb der Kirche, (in Ermangelung eines passenden Balles oft mit einer alten Konservendose), Cowboy und Indianer spielen, mit unseren Fahrrädern im ganzen Dorf „Räuber und Gendarm“ spielen oder auch nur so durch die Straße und Gassen „rasen“ (manchmal auch in der Saale), Versteck spielen und natürlich bei schönem Wetter an der Saale spielen.

Eigentlich war das gesamte Dorf unser Spielplatz, mir ist aber das Spiel an der Saale und am Mühlgraben besonders in Erinnerung.

Zu unserer Kindheit war das Wasser der Saale noch so sauber, dass wir bedenkenlos darin spielen bzw. „baden“ konnten. Hauptsächlich spielten wir auf der Kiesbank neben der Brücke, die nach jedem Hochwasser eine andere Form hatte. Hier wurden kleine Flüsse und Löcher gebuddelt, auf denen wir Holzstücke oder kleine selbst gebastelte Schiffe (natürlich mit Holz aus Schlüters Werkstatt) schwimmen ließen.

Ein beliebtes Spielzeug waren auch Schläuche von Autoreifen (woher wir die hatten?) in die wir uns an besonders warmen Sommertagen hineinsetzten und von der Brücke bis zu Bauer Schürmann gepaddelt, und anschließend mit der Strömung wieder zur Brücke getrieben sind. Als Paddel haben wir dabei unsere Hände und Arme genutzt.

Unter der Brücke bestand durch die Einmündung des Mühlgrabens eine etwas tiefere Stelle. An einem der warmen Sommertage hatte Hans-Jürgen Schlüter (er war mein bester Freund) die Idee, hier für uns eine „Badestelle“ zu bauen. Wir (u.a. Fredi Battmer, Wolfgang Eichholz, und Rudolf Ehrenstein (wohnte im Feuerwehrhaus) waren von der Idee begeistert. Also begannen wir, mit Händen und kleineren Scchaufeln einen Stau zu bauen. Jürgen Schlüter hat dann noch Bretter und Balken besorgt. Diese „Badeanstalt“ ist aber nie fertig geworden. Wir mussten die Arbeiten wegen Aufzug eines Gewitters abbrechen. Durch heftige Regenfälle war die Saale über Nacht angestiegen und hatte unsere begonnene Arbeit zerstört. Wir haben danach keinen weiteren Versuch gestartet.Scholling1

Natürlich war im Winter in erster Linie Schlittenfahren angesagt. Dies geschah meist im sogenannten „Kirchgraben“ dem kleinen Berg zwischen Kirche und Pfarrhaus (warum das so hieß, weis ich nicht mehr). Bei genügendem Anlauf endete die Fahrt vielleicht zwischen den Höfen Schottel und Rennemann. Ein weiterer Ort für dieses Vergnügen war die Wiese von Bauer Knoke? oder Hattendorf? unterhalb der ehemaligen Gaststätte Kölling am Bahnhof (heute Straße „An der Aue“). Durch den steilen Hang am Anfang fuhren wir oft bis kurz vor die Aue. Die attraktiveren Schlittenbahnen waren damals im Osterwald oberhalb der Glashütte (hier durfte ich aber wegen ihrer Gefährlichkeit nicht hin) oder auch die sogenannten „Hemmendorfer Wiesen“, eine Buckelpiste neben der Feldbahn vom Kalkwerk. Durch den langen Weg dorthin bin ich allerdings nur einmal die „Hemmendorfer Wiesen“ gefahren und habe dabei auch prompt meinen Schlitten demoliert.

Ein weiteres Vergnügen war natürlich Schlittschuh laufen, nachdem wir es gelernt hatten. Zur damaliger Zeit wurden die Straßen im Dorf noch nicht mit Salz oder Sonstigem gestreut, sondern nur mit einem Schneepflug (von einem Trecker gezogen) glatt geräumt. Bei anhaltendem Winterwetter bildete sich daher auf den Straßen eine festgefahrene Schneedecke, auf der man hervorragend Schlittschuh laufen konnte. Im Gegensatz zu heute gab es aber auch Winter in denen die Saale und der Mühlgraben, die damals noch mehr Wasser führten, für längere Zeit dick zugefroren waren. Auch hier war dann Schlittschuhlaufen angesagt. Das Gleiche galt dann auch für die Teiche auf der Glashütte, der Weg war nur etwas weiter.

Es ergab sich aber auch hin und wieder noch eine andere Möglichkeit zum Schlittschuhlaufen: Oberhalb des ersten Saalestaus für die Mühle kam vom Kahnstein ein kleiner eigentlich unwesentlicher Wasserlauf, der bei Schneeschmelze aber doch reichlich Wasser führte. Wenn dies im Winter geschah und danach wieder Frost angesagt war, haben die Scholz Kinder (damals Pächter der Mühle Sander) mit Genehmigung der Landwirte den Wasserlauf gestaut und die Wiesen an der Saale überschwemmt. Bei danach einsetzendem Frost ergab sich für uns eine hervorragende Eislauffläche.

Es gab Winter in denen die Straße zum Bahnhof, der „Auebrink“, von der Kuppe bis hinunter zur Aue vollständig zugeweht war und mit den Feldern eine Fläche bildete. Nach der Räumung eines Fahrweges ergab sich für uns rechts und links die Möglichkeit, in den Schneemassen Höhlen und Wälle zum Spielen zu bauen. Schneeballschlachten quer über die Straße waren angesagt.

Anmerkungen zum Bild Einschulung: Ich bin in der hinteren Reihe von links der Fünfte. Einige Schüler welche mir noch in Erinnerung sind. Fank Lottermoser, Fredi Battmer, Wolfgang Eichholz (wohnte bei Battmer), Hans-Jürgen Schlüter, Peter Dählmann (wohnte bei Schuster Krage), Wolfgang Meyer (wohnte bei Käserei Ernst), Lutz Jaenicke (Glashütte), Jörg Günther, Peter Sybill, Hans Tornow, Edmund Hopf und Rainer Pook (beide Glashütte). Einige Namen der Mädchen Ute Sperling, Ilse Ahrens, Anni Hain, Heidemarie Korsch (Kalkwerk), Anne Köster..

Es fällt mir so viel ein und gibt noch so viel zu erzählen wenn ich an meine Kindheit und Jungenzeit  in Oldendorf denke, sodass es auf jeden Fall eine Fortsetzung gibt.

Heinz-Hermann Scholling, geboren und aufgewachsen in Oldendorf, lebt heute in Kassel. Er ist noch immer sehr eng mit Oldendorf verbunden. Ist Mitglied im Oldendorfer Verein für Grenzbeziehung- und Heimatpflege e. V. und kommt, wenn es ihm irgend möglich ist, auch heute noch zu den Veranstaltungen nach Oldendorf.