Frank Wiehler: Eine Kindheit in Oldendorf - Fortsetzung

Es war Herbst, als wir 1945 nach siebenmonatiger Flucht aus Westpreußen mit Pferd- und Wagengespann in Oldendorf ankamen. Der Bürgermeister Schwenke wies uns – meine Mutter und 2 Brüder – in zwei Zimmer auf dem Bauernhof von Alma Heuer (heute Hagenstr.9) ein.

Heuer 1Ab Januar 1946 gingen meine beiden älteren Brüder (15 und 12 Jahre) nach 12 Monaten erstmalig wieder zur Schule. Sie besuchten das Scharnhorst Gymnasium in Hildesheim. Um 5 Uhr morgens gingen sie zum Bahnhof Osterwald und fuhren mit dem Zug bis Elze/Nordstemmen. An der gesprengten Leinebrücke endete die Fahrt. Sie hangelten sich über die Trümmer der zerstörten Brücke und stiegen auf der gegenüberliegenden Seite der Leine in den dort wartenden Zug nach Hildesheim.

Auf der Heerstr. (B 1), auf halber Strecke zwischen der Gastwirtschaft Schlüter/ Ecke Osterwalder Str. und der Esso Tankstelle, lag in Fahrtrichtung Hemmendorf, monatelang ein zerstörtes Militärfahrzeug im Straßengraben. Es wurde von uns Jugendlichen mit unzureichendem Handwerkszeug ausgeschlachtet. Die Einzelteile wurden per Handwagen zum ortsbekannten Schrotthändler Atzi Thies gefahren und verkauft. Den schweren Rahmen schleppten später Profis ab.

Ab 1946 wurden Nahrungsmittel knapp. Mit Genehmigung der Familie Heuer legte meine Mutter „Im Hohen Feld“, überhalb der Esso Tankstelle eine Art Schrebergarten an. Gießkanne um Gießkanne schleppten wir Geschwister Wasser von der Tankstelle hoch zu den Beeten. Nach einem Jahr gab es hier tatsächlich etwas zu ernten: Johannis- und Stachelbeeren, Erdbeeren, Kartoffeln, ... Das sprach sich rum. Einen Zaun gab es nicht. Um dem nächtlichen Diebstahl Einhalt zu gebieten, schliefen meine Brüder abwechselnd zur Erntezeit im Graben gegenüber dem Gleis der Kalkbahn. Um 5 Uhr morgens machten sie sich dann, sofern nicht gerade Schulferien waren, auf den Weg zum Bahnhof Osterwald, um nach Hildesheim zu fahren..

Im Herbst 1946 kam ein Troß von ca. 20 Kosaken mit Pferd und Wagen auf der Heerstrasse durch Oldendorf. Es schien sich um entlassene Soldaten zu handeln, um Angehörige der auf deutscher Seite kämpfenden Wlassow Armee, so hieß es damals. Der Troß bog von der Heerstrasse auf das „Hohe Feld“ ab und kampierte auf einem Stoppelfeld gegenüber dem Sägewerk. Im Nu wurde Feuer gemacht, gekocht und zur Balaleika gesungen. Was uns Kinder besonders beeindruckte waren die sich anschließenden Reiterkunststücke. Im gestreckten Galopp ritten sie über das Stoppelfeld und ließen sich, mit lautem Geschrei, mal auf der rechten, mal auf der linken Seite ihres Pferdes, fast bis zum Boden, herabgleiten. So ging es bis in die Dunkelheit hinein. Sogar einige Oldendorfer Reiterfreunde schlossen sich diesem Spektakel mit ihren Pferden an. Am nächsten Morgen waren die Kosaken spurlos verschwunden.
Viele Jahre später erfuhr ich, daß die Angehörigen der Wlassow Armee auf Stalins Verlangen von den Briten an die Rote Armee ausgeliefert wurden. Nur wenige haben das überlebt.

Sagewerk 1
Zum Schluß noch ein Streich aus meiner Schulzeit:
Es muß 1948 oder 49 gewesen sein. Ich war in der 2. oder 3. Klasse, in dem alten Schulgebäude, direkt neben der Kirche. Es existiert heute nicht mehr. Wir schrieben nicht mehr mit Griffel und Schiefertafel, sondern bereits mit Feder und Tinte. In jede Schulbank war ein Fäßchen eingelassen in dem sich Tinte befand. Die vor mir sitzende Schülerin, an ihren Namen kann ich nicht mehr erinnern, hatte die Angewohnheit, vermutlich aus Langweile, hin und wieder die Enden ihrer Zöpfe in ihren Mund zu stecken. Wenn sie sich zurücklehnte, schwebten ihre Zöpfe direkt über meinem Tintenfaß.
Die Versuchung war zu groß ....
Eines Tages hatte sie einen blauen Mund und blaue Zähne. Als der Lehrer Kienitz dies bemerkte, winkte er mich wortlos nach vorne, holte seinen Rohrstock und versetzte mir einen schmerzhaften Schlag auf die Fingerspitzen. Wortlos nahm ich es hin. Ich erinnere mich nicht, ob ich mich damals bei meiner Mitschülerin entschuldigt habe. Falls nicht, möchte ich das hiermit nachholen.

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Mein ältester Bruder Hans-Joachim studierte nach dem Abitur in Hildesheim Theologie und Botanik in den USA. Er wurde ein bekannter Forscher und Entdecker tropischer Pflanzen und lebte lange in Sarasota, Florida. 2003 starb er auf Fiji Island.
Mein Bruder Reinhard wanderte 1960 nach Calgary, Kanada aus, entwickelte etliche Patente in der Nachrichtentechnik. Er starb 2005 in Toronto.

Der Autor dieser Zeilen zog 1956 mit seiner Mutter, Kriegerwitwe, von Oldendorf nach Hannover, machte dort Abitur, studierte Volkswirtschaft in Freiburg und Huston, Texas. Nach seinem Examen als Diplom-Volkswirt arbeitete er in der Schweiz und anschließend 30 Jahre im Europäischen Parlament in Luxemburg und Brüssel. Die Integration Europas ist ihm eine Herzensangelegenheit.

Seit 2004 lebt er mit seiner Frau Ulrike im Ruhestand in Freiburg im Breisgau und erfreut sich an seinen 3 Kindern und zahlreichen Enkeln die in Deutschland, England und Simbabwe leben. Gerne denkt er an seine Kindheit in Oldendorf zurück.

 Wiehler fam 1

Frank Wiehler April 2020

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